Polizeiruf 110 – Wendemanöver

2 tlg. TV-Krimi im Auftrag von NDR / Filmpool und MDR / Saxonia Media - nach einer Drehbuchvorlage von Thomas Kirchner

Erstausstrahlung ARD

27.09.2015 und 04.10.2015

Drehbuch

Anika Wangard, Eoin Moore

Regie

Eoin Moore

Kamera

Jonas Schmager

Produktion:

Iris Kiefer, Ilka Förster / Filmpool und Britta Hansen / Saxonia Media

Redaktion:

Daniela Mussgiller / NDR, Wolfgang Voigt / MDR

mit:

Claudia Michelsen, Charly Hübner, Anneke Kim Sarnau, Sylvester Groth, Andreas Guenther, Zoe Moore, Jörg Gudzuhn, Peter Schneider, Cornelius Obonya, Michael Kind, Philipp Hochmair, Klaus Manchen, Uwe Preuss, Steve Windolf, Josef Heynert u. a.

Szenenbild: Florian Langmaack, Kostüm: Manuela Nierzwicki, Schnitt: Antje Zynga, Musik: Warner Poland, Kai-Uwe Kohlschmidt, Wolfgang Glum

 

PRESSE

 

RAINER TITTELBACH

Zeitgleich werden in Rostock und Magdeburg zwei Menschen getötet. Die Morde besitzen einen politischen Hintergrund; die Fälle reichen zurück ins Wendejahr 1990. Der "Polizeiruf 110 - Wendemanöver", in dem die Teams aus Rostock und Magdeburg gemeinsam ermitteln, ist spannend, handlungsintensiv, temporeich, tragisch und mit Extravaganzen der Kommissare unterlegt. Der Film ist weniger geschlossen als die Top-Produktionen aus Rostock. Das liegt vor allem am Format eines Zweiteilers, der sich zudem mit der Kleinteiligkeit eines Doppel-Ermittlerkrimis im Whodunit-Modus herumschlagen muss. Die Vier aber sind klasse!

Zwei Morde, zwei Teams, ein Fall und viele faule Geschäfte

Fast zeitgleich werden in Rostock und in Magdeburg zwei Menschen getötet: mit vier Kugeln ein Wirtschaftsprüfer und die Frau des Juniorchefs einer in Rüstungsgeschäfte verwickelten Firma bei einem Brandanschlag. Beide hatten ein Verhältnis miteinander; die Morde aber besitzen einen politischen Hintergrund. Als erster ahnt dies Kommissar Drexler (Sylvester Groth), als er auf seinen Ex-Kollegen Ferdinand Frey (Cornelius Obonya) stößt, der offenbar einst als ZERV-Mitarbeiter gravierende Unregelmäßigkeiten in jener Firma vom ostdeutschen Urgestein Herbert Richter (Jörg Gudzuhn) aufdeckte, bevor der Polizist der Vergewaltigung überführt wurde. Und noch eine weitere Firma, die von Richter-Spezi Siegfried Wagner (Michael Kind), gerät ins Visier des peniblen Drexler. Während seine Kollegin Brasch (Claudia Michelsen) versucht, über Richters Enkelin (Zoe Moore) emotional Einblick in die Sachlage zu bekommen, herrscht im Rostocker Revier das blanke Chaos. Katrin König (Anneke Kim Sarnau), die mit Pöschel (Andreas Guenther) ermitteln muss, kommt nur schwer in die Gänge. Und Bukow (Charly Hübner) ist mal wieder suspendiert, ermittelt auf eigene Rechnung und hat bald eine Leiche an der Backe und die entsprechende Tatwaffe in der Hand.

Straßenköter & Stubenhocker, Gefühlsmensch & Adrenalin-Junkie

Einen Zweiteiler zu machen ist schon schwierig genug. Ein dreistündiger Ermittlerkrimi im Whodunit-Modus ist bei der heutigen Plotdichte einer 90minütigen Reihenepisode mit ihren horizontalen Vorgaben an die Charaktere noch mal eine weitere Herausforderung. Und wenn dann auch noch zwei Teams in diesem Zweiteiler gemeinsam ermitteln müssen mit insgesamt neun Kommissaren und Helfershelfern, kann man gut verstehen, dass Regisseur und Ko-Autor Eoin Moore während der Dreharbeiten vier Whiteboards brauchte, um alle Erzählstränge und Verflechtungen für seinen "Polizeiruf 110 - Wendemanöver" unterzubringen. Nicht unproblematisch für dieses ARD-Sonntagskrimi-Experiment war auch die für gewöhnlich völlig unterschiedliche Gangart der beiden Ermittlerteams. Die Rostocker sind physisch, geradlinig, wild und gehen immer dorthin, wo's wehtut. Die Magdeburger - auch wenn Claudia Michelsens motorradfahrende Kommissarin bisher ein bisschen auf Schimanski getrimmt wurde - sind dagegen "etwas nachdenklicher unterwegs", so Moore, "Drexler ist ein stiller, schweigsamer Ermittler, und auch Brasch quasselt nicht viel und gibt ungern Informationstexte von sich". In einem Film, der - nicht zuletzt durch das ständige Hin und Her zwischen Magdeburg und Rostock - Tempo (in und zwischen den Bildern) zum bestimmenden formalen Prinzip macht, mussten Drexler, Brasch & Co stärker über den Schatten ihrer Mentalität springen. Für Bukow/Hübner und König/Sarnau war es dagegen mit Eoin Moore, der bisher fünf der zwölf Rostocker "Polizeiruf"-Episoden als Regisseur und Autor zu verantworten hatte, eher ein Heimspiel. Das Raue, etwas Rüde dominiert in "Wendemanöver". Straßenköter Bukow und Adrenalin-Junkie König scheinen über den Stubenhocker Drexler und den Gefühlsmenschen Brasch die Oberhand zu gewinnen. Doch ohne Drexlers Ausdauer würde dieser komplexe, in die Treuhand-Kriminalität des Jahres 1990 zurückreichende Fall nicht gelöst werden können. Und dass dieser auch ein ganz persönliches Interesse an der lückenlosen Aufklärung der Morde hat, verweist auf seine Liebesbeziehung zu dem einstigen Kollegen, der offenbar 16 Jahre unschuldig im Gefängnis saß.

Wendezeit-Thematik und eine Handlung voller wilder Fiktionen

Die kleinteilige Polizeiarbeit findet in "Wendemanöver" zunächst auch ihre dramaturgische Entsprechung. Besonders die ersten 40 Minuten, in denen die Teams noch für sich mehr oder weniger routiniert vor sich hin ermitteln, sind weit entfernt vom thematisch interessanten Aufdecken der unseligen alten Seilschaften (Stichwort: „Transferrubelbetrug“) und von der Hochspannung, die der Film auf der Zielgeraden von Teil 1 und über weite Strecken im zweiten Teil erzielt. Die beiden Schauplätze bremsen sich gegenseitig aus; das ständige, sich (noch) nicht aus dem "Inhalt" schlüssig ergebende Umschneiden, ist allein dazu da, die Geschichte zu transportieren und den Zuschauer zu informieren, eine Eigendynamik, geschweige denn einen eigenen Erzählrhythmus kann der Film so nicht entwickeln. Obwohl er auch später nicht die Geschlossenheit der meisten Rostocker "Polizeiruf"-Krimis besitzt, so machen doch die Subplots neugierig und sorgen dafür, dass sich zumindest "inhaltlich" Spannung aufbaut. Die Handlung jedenfalls steckt voller wilder Fiktionen, die die "realistische" deutsch-deutsche Wendezeit-Thematik bereichern. Da outet sich ein verklemmter Sesselfurzer-Kommissar endgültig als homosexueller, leidenschaftlicher Liebhaber. Da küsst schon mal eine Kommissarin nach kurzer Befragung unvermittelt einen Zeugen, während die Kollegin bei der Tochter der Toten auf Mutterersatz macht und sie regelrecht einspannt für ihre Ermittlungen. Und Bukow, dieser Problembär, der geht nicht nur seine Polizeipsychologin rüpelhaft an, was seine Suspendierung nach sich zieht (von der er sich allerdings später freikauft), sondern gerät sogar unter Mordverdacht, taucht unter und wird zur Fahndung ausgeschrieben. Und weil es so schön ist, wenn die einem ans Herz gewachsenen Helden leiden, muss dieser auch noch mehrfach Bekanntschaft mit einem Elektroschocker machen.

Von Eltern und Kindern - Familienaufstellung im Verhörraum

In der Masse dieser abwechslungsreichen Handlungsmomente, im allgemeinen Polit-Action-Ich-mach-mein-Ding-Gedöns also, geht das Motiv, das man bei einem 90-Minüter wohl zum zentralen Thema der Episode gemacht hätte - von Vätern und Söhnen, von Großeltern, Eltern und deren Kindern - weitgehend verloren. Es sind die Fragen, die Michelsen für die Geschichte formuliert und die der Film nur am Rande stellt: "Was schweigen wir tot? Wie sind unsere Eltern mit uns umgegangen? Wie gehen wir dadurch heute mit unseren Kindern um? Was war erlaubt, was nicht?" Weil der Zwang zum Whodunit über allem kreist, kommt der historische Subtext zu diesem "Polizeiruf 110" - wie so oft beim Krimi - zu kurz. Genauso wie die von der Idee her großartigen Schlussverhöre, bei denen es zu einer Familienaufstellung im Verhörraum kommt. Tief tragisch, aber eben doch zu knapp, um nach 170 Minuten einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Und so merkt man dem zumindest zwei Stunden lang packenden Film an, dass er in jeder Hinsicht ein Kraftakt gewesen sein muss. Dieser wird zwar beachtlich bewältigt, Moores Film entlässt einen aber nicht mit dieser Zufriedenheit, diesem Gefühl des Heißseins auf den nächsten Rostocker "Polizeiruf". Dabei ist das existenzielle Sinnieren von Katrin König in der Schlussszene über sich, Bukow & die Welt sehr vielversprechend: "Ich glaub', ich bin anders. Anders als andere Menschen. Normale Menschen, mit Beziehungen, Kinder, Haus, Hund, Katze, Maus." Bukow: "So wie ich?" König: "Ja, oder ne, Sie sind auch anders - anders anders." (Text-Stand: 27.8.2015)

 

"POLIZEIRUF 110: WENDEMANÖVER": VIELE KÖCHE VERDERBEN DEN EINHEITS-BREI

von Eric Leimann

Zwei Ermittler-Teams = doppelter Erfolg? Passend zum 25. Jubiläum der Deutschen Einheit zeigt die ARD ein "Polizeiruf 110"-Experiment, mit vier Kommissaren aus dem Osten. Das Experiment ist aber gründlich misslungen.

Das haben sich die Gremien der ARD geradezu genial ausgedacht: Warum zum 25. Jubiläum der Deutschen Einheit nicht mal zwei Ost-Teams des "Polizeirufs 110" in einer Doppelfolge (Sonntag, 27. September und 4. Oktober, jeweils um 20.15 Uhr) gemeinsam ermitteln lassen? Wo doch der "Polizeiruf 110" das letzte verbliebene Fiction-Format der DDR im deutschen Fernsehen ist. So viel Mitleid wäre nicht nötig gewesen. Ein starker Film hätte den Deutschen mehr gebracht.

Auf einem Magdeburger Firmengelände brennt es, die Frau des Juniorchefs verliert dabei ihr Leben. Die Kommissare Brasch (Claudia Michelsen) und Drexler (Sylvester Groth) ermitteln. Wenig später wird in einem Rostocker Hotelzimmer ein toter Mann entdeckt. Katrin König (Anneke Kim Sarnau) beginnt mit der Arbeit an dem Fall, während sich ihr heißblütiger, vom Dienst suspendierter Kollege Bukow (Charly Hübner) den intimen Fragen einer eiskalten Psychologin stellen muss. Als die Ermittler tiefer in die beiden Fälle einsteigen, stellen sie fest: Beide Morde haben etwas miteinander zu tun.

Der Deutsch-Ire Eoin Moore ist eigentlich ein guter Mann. Er hat das starke Team König und Bukow 2010 aus der Taufe gehoben und auch danach immer wieder auf dem Regiestuhl in Rostock Platz genommen. Zuletzt inszenierte Moore die Folge "Familiensache", in der sein Lieblingsschauspieler Andreas Schmidt als melancholischer Amokläufer die eigene Familie eliminierte. Das war im November 2014, in einem der besten deutschen Krimis der vergangenen Jahre.

Dieser Moore bringt in seinem Drehbuch zu "Wendemanöver" nun vier vielversprechende Schauspieler Deutschlands zusammen. Nur blieb das erst vor rund zwei Jahren gegründete Magdeburger Gespann in seinen Filmen bisher arg blass. Es ist durch den Ausstieg Sylvester Groths nach dieser Doppelfolge ohnehin schon wieder Geschichte. Während die vier Kommissare in "Wendemanöver" in einem enorm komplizierten und leider mühsam konstruierten Fall ermitteln, verliert der Zuschauer immer mehr den Überblick über das Geschehen. Zu viele Figuren und angedeutete Zusammenhänge gibt es, zu viele falsche und eventuell richtige Fährten aus dem Chemiebaukasten des deutschen TV-Krimis. Ein organischer Film, der seine Zuschauer über Story und Figuren in den Bann zieht, sieht anders aus.

Natürlich reichen die Recherchen der "Polizeiruf"-Kommissare irgendwann zurück bis in die Zeit der Wende und zu dubiosen Geschäften. Und als hätte Regisseur Moore selbst Angst gehabt, dass sein Doppelkrimi zu bausatzhaft werden könnte, hat er zwei Ermittlern obendrauf noch eine hochemotionale persönliche Geschichte ins Drehbuch geschrieben. So gerät der mal wieder vogelwilde Bukow unter Tatverdacht, während der seltsame Kauz Drexler seine Beherrschung verliert.

Man kann sich zudem des Eindrucks nicht erwehren, dass Beamte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit am Tisch gesessen hätten. Als ob sie kontrollieren würden, dass auch alle Kommissare etwa gleich viel Drehbuchzeilen erhalten. Und dass die beiden Sendeanstalten MDR und NDR paritätisch mit landestypischen Schauplätzen im Bild sind. Wie soll man aus derlei Vorgaben einen guten Film machen? "Wendemanöver" ist eine Kopfgeburt, etwas Beabsichtigtes, das einfach nicht klappen kann. Allein wegen mancher Szenen der starken Darsteller bleibt der Krimi halbwegs erträglich.

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