Exit

5 M / 3 F Durchsteher

Zwei Brüder - ein erfolgreicher Showmaster und ein Börsenspekulant - geraten mit ihren Familien durch die Verfehlungen des einen in Lebensgefahr und finden sich im Zeugenschutzprogramm wieder.

Unvermittelt stehen sie vor der Frage: Leben wir weiter wie bisher, auch auf die Gefahr hin ermordet zu werden, oder ist das Leben an sich so wertvoll, daß man bereit ist, alles dafür aufzugeben, was es bisher ausmachte?!

LESEPROBE

ERSTE SZENE

Die Kontrollampe springt auf Grün. Gleich darauf flackern Lichter auf und ein schmaler Streifen Licht wird sichtbar, der zunehmend breiter wird, als würde eine Lichtblende weggezogen, etwas aufgefahren. Der Raum ist quadratisch, getünchter Beton. Drei Türen. Rechts und links je eine Tür, die in die Quartiere gehen wird. Die zentrale Tür – neben dem die Kontrollampe leuchtet – ist der einzige Ein- und Ausgang. Er kann nicht von innen geöffnet werden. Darüber eine Kamera. Neben der Tür eine Wechselsprechanlage in die Außenwelt. An der Rampe ein schmaler Streifen Gras. Ein Lichthof, ein Freigang wie im Knast. Darüber ein Gitter. Die wandernde Sonne wirft das Gitter auf den Boden. Die Quartiere können von innen verschlossen werden. Der Raum ist ein ehemaliger Bunker / Knast – was auch immer. Er ist bedrückend. Nachdem die Kontrollampe Grün ist und der Raum diffus beleuchtet, fährt die Tür auf und zwei martialisch bewaffnete und maskierte Männer treten ein – ein Spezialkommando. Gefolgt von Manfred, Franziska und Frederike, die alle einen schwarzen Sack über dem Kopf haben, aber nicht gefesselt sind. Hinter den Dreien zwei weitere bewaffnete und maskierte Männer. Alles läuft in gespenstischer Stille ab. Manfred, Franziska und Frederike werden in dem Raum „abgestellt“. Die Männer verlassen wieder den Raum. Die Tür fährt zu, die Kontrollampe springt auf Rot. Stille. Die Drei wagen nicht, sich zu bewegen. An einer Wand stehen drei Koffer.

MANFRED Hallo?

FRANZISKA Manfred?

MANFRED Täubchen?

RIKE Mama?

MANFRED Gott sei dank. Ihr seid hier.

RIKE Mama?

FRANZISKA Hier, hier. Keine Angst, mein Schatz. (tastet nach ihrer Tochter, drückt sie an sich) Keine Angst, alles wird gut.

MANFRED Hallo? Ist hier jemand? Darf ich jetzt den... diesen Sack abnehmen?

FRANZISKA Nicht.

RIKE Mama?

MANFRED Ihr braucht keine Angst zu haben.

RIKE Ich muß ganz dringend aufs Klo.

MANFRED Ist hier jemand?

FRANZISKA Würde mal bitte jemand mit uns reden?

MANFRED Ich nehme jetzt den Sack ab. Ist das in Ordnung? Ist das in Ordnung, wenn ich jetzt den Sack abnehme?

RIKE Mama, mir ist schlecht.

MANFRED Ganz ruhig, Rike. Alles in Ordnung.

RIKE In Ordnung?!

MANFRED Sie haben mir versichert, alles dient nur zu meiner – unserer... Sicherheit.

RIKE Was für eine Sicherheit?!

MANFRED Sie haben mir versichert... Hallo? Dieses Verfahren ist doch unzumutbar! Ich nehme jetzt den Sack ab.

FRANZISKA Nicht.

MANFRED Ich nehme jetzt den Sack ab.

FRANZISKA Würde mal bitte irgendjemand mit uns reden, verdammt?!

MANFRED (nimmt ganz langsam und vorsichtig den Sack vom Kopf) Oh Gott.

FRANZISKA Manfred?

MANFRED (nimmt Franziska den Sack vom Kopf) Nichts, nichts. Alles ist gut.

FRANZISKA Rike. (nimmt ihr den Sack vom Kopf, drückt sie an sich)

MANFRED Verdammt. Was soll das?

RIKE Mama, wo sind wir?

FRANZISKA Ich weiß es nicht.

MANFRED Das können die nicht mit mir machen! Das können die doch nicht machen! Das hat ein Nachspiel! (rüttelt an allen Türen) Die haben... uns eingesperrt! Die mache ich fertig! (sieht sich um, entdeckt die Kamera) Hey! Aufmachen! Hey! Hey! Verdammt! Aufmachen!

RIKE Wo haben die uns hingebracht?

FRANZISKA Kannst du nicht mal TELEFONIEREN? Bitte!

RIKE Ich will hier weg.

FRANZISKA Würdest du bitte mal TELEFONIEREN?

MANFRED Die haben mir doch das Handy abgenommen.

RIKE Du hast mich doch angerufen!

FRANZISKA Gib mir mal dein Handy, Schatz.

RIKE Das haben sie mir weggenommen! Alles haben die mir weggenommen. Ich will hier raus.

FRANZISKA Mach doch was!

MANFRED Was soll ich denn machen?!

RIKE Ich will hier raus!

MANFRED Ruhe! Ich muß nachdenken!

FRANZISKA Du hast uns angerufen, also mach jetzt was!

MANFRED Ich mußte euch doch anrufen.

FRANZISKA Warum? Da hast gesagt, es geht... um unsere Sicherheit. Ich sollte keine Fragen stellen, bitte..., aber jetzt frage ich: Was soll das hier?!

MANFRED Das weiß ich nicht! Hey! Können Sie mich sehen? (winkt in die Kamera) Meine Name ist Manfred Richter! Sie kennen mich sicherlich...

FRANZISKA Oh Gott.

MANFRED ...vom Fernsehen...

FRANZISKA Manfred!

MANFRED Die wissen nicht, mit wem sie es zu tun haben, oder was? So lasse ich doch nicht mit mir umspringen!

RIKE Ich will wieder zurück. Ich habe eine Klausur. Mach doch was!

MANFRED Ach, auf einmal?

FRANZISKA Was haben sie dir gesagt, Schatz?

RIKE Der Rektor hat mich aus der Vorlesung geholt und mir ein Telefon in die Hand gedrückt. Da warst du dran! Du hast gesagt, ich soll mit denen mitgehen!

MANFRED Und du hast gesagt, ich soll dich mal am Arsch lecken!

RIKE Die haben mir den Arm umgedreht, du Arschloch...

FRANZISKA Rike!

RIKE Na ist doch wahr! Er hat uns das doch eingebrockt!

MANFRED Ich habe uns überhaupt nichts eingebrockt! Ich weiß selber nicht, worum es geht!

FRANZISKA Du weißt nicht... Warum hast du uns dann angerufen?

MANFRED Das hatten wir mal diskutiert. Du erinnerst dich! Vor drei Jahren, als die ersten Drohungen kamen. Diese Briefe von dem Wahnsinnigen, der drohte, uns alle umzubringen. Da hatten wir ausführlich über eventuelle Notstände gesprochen. Das wir schnell reagieren müssen. Du erinnerst dich! So ein Notstand ist jetzt wahrscheinlich eingetreten.

FRANZISKA Das ist doch lächerlich!

MANFRED Mehr weiß ich nicht.

RIKE Das glaube ich nicht.

MANFRED Was du glaubst ist nebensächlich.

RIKE Arschloch.

FRANZISKA Diese Behandlung ist unzumutbar.

MANFRED Ich konnte doch nicht ahnen, daß die so eine Nummer abziehen.

RIKE Die haben mir den Arm umgedreht und mich irgendwie... wie verhaftet. Das sah voll Scheiße aus. Wenn das einer gesehen hat, hast du’s wieder mal voll geschafft!

FRANZISKA Und diese Säcke?!

RIKE Wir sind entführt worden.

FRANZISKA Nein, Schatz, nein.

MANFRED Unsinn. Entführt worden. Unsinn.

FRANZISKA Und warum redet niemand mit uns? Die ganze Fahrt über? Kein Wort?!

RIKE Keine Handys.

FRANZISKA Wo sind wir überhaupt?!

MANFRED Jetzt werdet nicht hysterisch. Wir müssen ganz ruhig bleiben. Das klärt sich auf. Alles klärt sich auf. (wieder in die Kamera:) Hey! Können Sie mich hören? Können Sie mich sehen? Die können, jede Wette... Hey!

FRANZISKA Wer ist hier hysterisch?

MANFRED Wir müssen Ruhe bewahren. Wir müssen uns klar machen, was eigentlich passiert ist.

FRANZISKA Dann fang mal an. Du hast angerufen.

MANFRED Ich war allein in meiner Garderobe und bereitete mich auf die Show vor... Ich war ziemlich angefressen, weil dieser Kretin von Sendeleiter wollte, daß ich diesen blöden Gag raushaue, diesen angestaubten Witz über den Ex-Kanzler, der...

FRANZISKA Keine Prosa bitte! Komm zur Sache.

MANFRED Dann kamen die plötzlich rein. Haben nicht angeklopft. Ein Sanitäter mit einer Trage und ein Mann vom Staatsschutz... nein, Sicherheit... Geheimdienst, ich weiß nicht so genau...

FRANZISKA Du weißt nicht, wer dich abgeholt hat?

RIKE Wird ja immer besser.

MANFRED Er hatte mir einen Ausweis gezeigt und gesagt: »Der Teppich muß ausgetauscht werden.«

FRANZISKA Der Teppich?

MANFRED Ja, der Teppich. Ihr erinnert euch, das hatten wir als... Signal vereinbart, wenn es zu einer Notlage kommt. Damals, als dieser Idiot in unser Haus eingebrochen war und auf den Teppich gekackt hatte.

FRANZISKA Den haben sie nie geschnappt.

MANFRED Und da hatten wir dann diesen Code vereinbart. Für Notfälle.

RIKE Wie sinnig.

MANFRED Und als der Mann vor mir stand und diesen Satz sagte: »Der Teppich muß ausgetauscht werden.«... Und wie er das sagte, so ernst und irgendwie hektisch... Da dachte ich... euch ist etwas zugestoßen. Ich hatte das Gefühl, als würde plötzlich der ganze Sauerstoff aus dem Raum gesaugt. In meinem Kopf dröhnte es, ich bekam keine Luft mehr. Ich war wahnsinnig vor Angst... Ich bin auf die Knie gefallen, ich habe angefangen zu weinen, noch ehe der überhaupt gesagt hat, was los war, ehe ich überhaupt etwas begriffen hatte... Wenn euch etwas zugestoßen wäre. Franziska, Rike! Ich liebe euch mehr als alles auf der Welt...

RIKE Hör auf damit!

FRANZISKA Nun komm mal langsam auf den Punkt ja.

RIKE Wie du siehst leben wir ja noch.

MANFRED Das konnte ich ja nicht wissen. Der Mann hatte gesagt, ich solle keine Fragen stellen, es geht um unsere Sicherheit. Ich war doch wie gelähmt. Du glaubst ja nicht, was mir da für Bilder durch den Kopf gegangen sind. Da war doch diese Bombe in der Innenstadt, das lief auf allen Kanälen...

FRANZISKA Manfred....

MANFRED Ja. Ja. Die haben mich auf die Trage geschnallt und in einen Krankenwagen gerollt. Da hat mir dann der Mann mein Handy abgenommen und mir seins gegeben. Ich sollte euch anrufen. Entsprechende Kräfte – ja, er hat Kräfte gesagt – sind unterwegs, um euch abzuholen. Da erst wußte ich, das euch nichts passiert sein kann. Sonst hätte ich euch ja nicht anrufen können. Ich war... erleichtert.

FRANZISKA Und dann hast du mich angerufen.

RIKE Und warum ausgerechnet den Rektor? Ich hatte mein Handy dabei. Du hättest mich auch so anrufen können.

MANFRED Das durfte ich nicht. Ich durfte mein Handy nicht benutzen und eure auch nicht. Ich weiß nicht warum. Ich sollte den Rektor anrufen. Und außerdem hättest du sowieso nicht getan, worum ich dich gebeten hätte.

RIKE Darauf kannst du Gift nehmen. Ich laß doch nicht meine Klausur sausen und laufe mit Hinz und Kunz mit, bloß weil du anrufst. Stattdessen schickst du den Rektor, und der holt mich aus dem Hörsaal. Das sah so voll Scheiße aus. Was sollen die jetzt von mir denken?

MANFRED Ich hatte Angst um dich!

RIKE Seit wann denn?

FRANZISKA Rike.

MANFRED Ich konnte kaum klar denken. Erst nachdem ich euch anrief, als das also geklärt war, da habe ich den gefragt, was das ganze Theater eigentlich soll...

FRANZISKA Ja und? Was?

Pause.

Was?

MANFRED Ich habe keine Antwort bekommen.

Pause.

FRANZISKA Ich saß über meiner Quartalsabrechnung. In dem Moment, als du mich anriefst, kamen auch schon zwei Männer in mein Büro. Du hast gesagt: Frag nicht, geh mit und hast aufgelegt. Also bin ich mitgegangen. Wir haben kein Wort geredet... nicht ein Wort – daß ich das überhaupt zugelassen habe... Sie haben mich zu einem Auto gebracht. VW glaube ich. Wir sind losgefahren. Stadtauswärts. Nach einer Weile haben sie mir gesagt, daß ich nicht wissen darf, wo es hingeht. Sie sagten, sie wüssten es selber nicht. Es dient nur zu meiner Sicherheit. Ich sollte den Sack überziehen, denn das andere Team sollte nicht wissen, wer da übernommen wird...

RIKE Das haben die mir auch gesagt. Als wir die Autos getauscht haben, habe ich versucht abzuhauen. Die haben mich festgehalten. Das war so brutal.

MANFRED Die haben dir weh getan?

RIKE War nicht mehr nötig. Ich hatte totalen Schiss. Ich hatte ja diesen Scheißsack über dem Kopf! Da habe ich lieber mein Maul gehalten. Ich war so fertig, daß ich mir sogar... Mann!

FRANZISKA Das ist nicht schlimm, Schatz.

MANFRED Ich habe mir auch fast eingepinkelt.

RIKE Du bist Schuld! Immer machst du alles kompliziert. Ich war gerade wieder dabei, mein Scheißleben in den Griff zu bekommen. Ich habe endlich dieses Scheißstudium angefangen. Und du machst wieder alles kaputt! Ich hasse dich.

MANFRED Ich mache alles kaputt?! Ich?! Wo wärst du denn, wenn ich damals nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hätte...?!

RIKE Jedenfalls nicht hier! Es ist überall besser als hier! In diesem, diesem... abgefuckten Scheißloch! Na los, Mister Showmaster, schnipps mal mit dem Finger, wie du es sonst tust. Bäng! Nichts passiert. Ach wie schade. Versuchs noch mal! Bäng! Immer noch nichts?!

FRANZISKA Rike.

RIKE »Rike, benimm dich. Er will doch nur unser Bestes.«

MANFRED Wenn wir hier raus sind, mache ich ein solches Faß auf. Das werden die mir büßen.

FRANZISKA Wer sind »die«? (bedeutet Manfred ein bißchen abseits zu kommen, dann leise, damit es Frederike nicht hören kann) Ist dir in den Sinn gekommen, daß jemand unseren Code benutzt hat, um uns zu entführen?

MANFRED Unsinn. Davon weiß doch niemand.

FRANZISKA Irgendwo gibt es doch Unterlagen, gibt es Computer, in denen das gespeichert ist. Wer weiß eigentlich alles davon? Das gab doch damals Schlagzeilen. Wer hatte das an die Presse lanciert?

MANFRED Das macht doch keinen Sinn. Die ganze Familie... Wer soll denn dann Lösegeld zahlen? Das ist doch Unsinn.

FRANZISKA Wie kannst du dir nur so sicher sein? Du hast doch selbst gesagt, daß du dich weder an den Namen noch an seine... Funktion erinnerst. Wenn der Ausweis gefälscht war und... Diese Säcke! Wenn man uns nicht entführt hat? Warum sagt uns dann niemand, wo wir sind?!

MANFRED Hör auf. Da wird man ja kirre. Hey! Hey! Können Sie mich sehen? Dann passen Sie mal auf! (nimmt einen Stuhl und schlägt damit die Kamera über der Tür kaputt)

FRANZISKA (drückt sich mit dem Rücken an die Wand, als würde jeden Augenblick etwas schreckliches passieren MÜSSEN)

Pause.

RIKE Sind das unsere Koffer?

MANFRED Unsinn. Das sind Koffer.

FRANZISKA Die waren in unserem Haus.

MANFRED Nicht anfassen. Lieber nicht anfassen.

FRANZISKA Das sind unsere Koffer.

MANFRED Das kannst du nicht wissen. Solche Koffer gibt es doch dutzendfach.

FRANZISKA Wessen Koffer sollen es denn sonst sein? Ist hier noch jemand?

MANFRED Geh da nicht ran.

FRANZISKA Das sind unsere Koffer. (die Koffer haben Schnappverschlüsse, sie öffnet einen der stehenden Koffer, er klappt auf und ergießt seinen Inhalt über den Boden)

RIKE Das sind meine Klamotten.

FRANZISKA Die waren in unserem Haus.

(Schweigend hocken sie sich vor die Koffer, öffnen einen nach dem anderen. In ihrem Rücken schaltet die Kontrolleuchte auf grün. Die Tür geht auf und Beckmayer tritt ein. Die Tür geht wieder zu und die Kontrolleuchte springt auf Rot. Beckmayer bleibt stehen und sieht den Dreien beim Durchwühlen ihrer Habseeligkeiten zu.)

FRANZISKA Die haben wahllos irgendwas zusammengepackt.

MANFRED Wie sind die in unser Haus gekommen?

FRANZISKA Nichts persönliches. Nicht mal ne Zahnbürste.

MANFRED Warum waren die in unserem Haus? Was haben die da gemacht?

FRANZISKA War denn Jelena nicht da? Jelena muß doch im Haus gewesen sein. Oh Gott, wenn ihr was passiert ist?!

MANFRED Was soll ihr denn passiert sein?

RIKE Die haben nur Scheiße eingepackt. Schrank auf und wahllos rein. Meine ganzen aussortierten Klamotten. Das trägt doch kein Schwein mehr. Die sind völlig uncool.

MANFRED Gewöhne dir doch bloß mal diese Sprache ab.

RIKE Fuck off. (stößt ihren Koffer weg, steht auf, sieht Beckmayer, schreit)

BECKMAYER (während Manfred, Franziska und Frederike ihn bestürmen und Erklärungen verlangen) Entschuldigung, kein Grund zur Panik. Bitte hören Sie mir zu. Sie sind hier, damit wir Sie schützen können. Beruhigen Sie sich. Ich werde Ihnen alles erklären. Hören Sie mir doch bitte erst einmal zu. Eins nach dem anderen... Wir benötigen Ihre Kooperation. Ich werde Ihnen alles erklären. Der Reihe nach. SEIEN SIE JETZT RUHIG! Entschuldigung. Ich verstehe Ihre Erregung nur zu gut. Mein Name ist Martin Beckmayer. Ich bin verantwortlich für das Programm.

MANFRED Wer sind Sie?

BECKMAYER Martin Beckmayer.

MANFRED Ich meine, was sind Sie?

BECKMAYER Verantwortlich für das Programm.

RIKE Ich will hier raus.

BECKMAYER Das geht zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. Leider. Unmöglich.

FRANZISKA Ist das eine Entführung?

MANFRED Unsinn.

BECKMAYER Natürlich nicht.

FRANZISKA Was? »Unsinn«, »natürlich nicht«?!

BECKMAYER Nein. Sie sind nicht entführt worden.

RIKE Und wie nennt ihr Schweine das sonst?

MANFRED Frederike!

FRANZISKA Was machen unsere Koffer hier?

BECKMAYER Bitte, setzen wir uns doch, ja? Die Situation ist...

RIKE Beschissen.

MANFRED Setz dich hin! Und halt die... Sei still. Ich kläre das.

BECKMAYER Geben Sie mir drei Minuten, ja? Drei Minuten, und alles ist geklärt. Danke. Also. Die Situation ist folgende: Sie waren in Gefahr.

FRANZISKA Das ist doch lächerlich!

MANFRED Wenn meiner Familie...

BECKMAYER Drei Minuten, ja. Wir sagten drei Minuten. Danke. Die Situation machte ein schnelles Handeln unsererseits nötig. Glauben Sie mir, wir machen das auch nicht jeden Tag. Jedenfalls nicht so. Wir mussten improvisieren. Sie wurden von zwei separat operierenden Teams hierher verbracht. Das Alpha-Team holte sie ab und kannte ihren momentanen Verbringungsort nicht.

FRANZISKA Was ist denn das für ein Beamtenscheißdreck?

RIKE (lacht)

MANFRED Tschuldigung.

FRANZISKA Glauben Sie, mit diesem Beamtenjargon können Sie uns beeindrucken?

BECKMAYER Das ist nicht meine Absicht. Das Beta... also das zweite Team wußte nicht, wer Sie sind. Aus Sicherheitsgründen mussten wir deshalb auf Ihre Vermummung bestehen. Das war sicherlich sehr unangenehm. Und ich kann nur hoffen, Sie haben sich an die Anweisungen gehalten und nach der Übergabe und während der Fahrt nicht geredet, geschweige denn Angaben zur Person gemacht. Haben Sie das?

MANFRED Was erzählen Sie denn hier für einen... Quatsch?!

BECKMAYER Das ist sehr wichtig. Haben Sie, als Sie desorientiert waren, Angaben zur Person gemacht?

FRANZISKA Sie meinen, mit dem Sack über dem Kopf?

RIKE Ich sage überhaupt nichts mehr.

BECKMAYER Um sich zu rechtfertigen, sich zu beschweren?

MANFRED Sie sagen mir jetzt sofort, wo wir sind und was Sie sind, und was das Ganze soll, oder wir sagen gar nichts mehr.

BECKMAYER Herr Richter, entweder Sie kooperieren, oder das wird eine harte Zeit.

MANFRED Wollen Sie mir drohen!?

BECKMAYER Ich will Ihnen die Situation auseinandersetzen.

FRANZISKA Ich gehe also davon aus, daß wir nicht entführt wurden.

BECKMAYER Das ist richtig.

FRANZISKA Dann können wir also gehen, wohin wir wollen?

BECKMAYER (schweigt)

FRANZISKA Auch durch diese Tür da?

BECKMAYER (schweigt ungehalten)

FRANZISKA Also gehen wir. (steht auf, macht einen Koffer zu, nimmt ihn auf zu Manfred und Frederike) Worauf wartet ihr?

RIKE Yes. (wirft ihre Kleidung in den Koffer, macht ihn zu, stellt sich neben Franziska)

MANFRED (zögert, sieht zwischen seinen beiden Frauen und Beckmayer hin und her, entscheidet sich schließlich zum Gehen) Das hat ein Nachspiel. Darauf können Sie sich verlassen.

Die Drei gehen zur Tür, die Kontrolleuchte ist Rot, die Tür bleibt zu.

FRANZISKA Sie haben gesagt, daß wir nicht entführt wurden. Also können wir gehen... wohin wir wollen.

BECKMAYER Das habe ich nicht gesagt.

MANFRED Wir haben Rechte. Und das hier hänge ich an die ganz große Glocke, darauf können Sie sich verlassen.

FRANZISKA Ich will Ihren Vorgesetzten sprechen.

BECKMAYER Sie versprachen mir drei Minuten.

FRANZSIKA Machen Sie die Tür auf, und wir können darüber reden.

BECKMAYER Wenn Sie durch diese Tür gehen, ohne mich angehört zu haben, sind Sie tot.

Pause.

MANFRED (zieht Rotz durch die Nase hoch, hustet überrascht) Blödsinn.

BECKMAYER Sie sind völlig unverschuldet in diese Situation gekommen. Das macht sie so schwierig. Für Sie und in gewisser Weise auch für mich.

RIKE Laß uns gehen, Mama. Der verarscht uns.

FRANZISKA Wie meinen Sie das: tot?

BECKMAYER Sie laufen Gefahr, ermordet zu werden.

MANFRED Ich bin eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Wir sind schon öfter bedroht worden. Wir werden von Paparazzis verfolgt, wir bekommen obskure Briefe, manchmal auch Entführungsdrohungen, Neid- und Hasstiraden, in unser Haus wurde eingebrochen...

BECKMAYER (sehr laut) Sie sind nicht hier, weil irgend jemand auf Ihren kostbaren Teppich gekackt hat. – Drei Minuten?

FRANZISKA Sie versprechen uns, nach drei Minuten diese Tür zu öffnen?

BECKMAYER Ja.

MANFRED Also gut.

RIKE Feiges Arschloch. Warum haust du den nicht einfach um?

Kleine Pause. Manfred scheint wirklich einen Moment mit dem Gedanken zu spielen, sieht Beckmayers kühlen Blick, wird sich klar darüber, daß das Unternehmen ohne Aussicht auf Erfolg ist...

MANFRED Ich verabscheue Gewalt.

RIKE Pah! Du hast doch nur Schiß.

BECKMAYER mit einladender Geste sich zu setzen Bitte.

MANFRED Drei Minuten.

BECKMAYER Haben Sie nach dem Wechsel der Zuführungskräfte Angaben zu Ihrer Person gemacht?

RIKE Jetzt geht das schon wieder los!

FRANZISKA Nicht das ich wüßte. Nein.

MANFRED Garantiert nicht.

BECKMAYER Und Sie?

RIKE Was spielt das für eine Rolle?

BECKMAYER Weil es von äußerster Wichtigkeit ist, daß niemand weiß, wo Sie sind.

MANFRED Rike, bitte. Sag dem Mann, was er wissen will.

RIKE Ich glaube nicht.

BECKMAYER Sie glauben?

RIKE Ich hatte einen Scheiß-Sack über dem Kopf! Und Ihre Rambos haben mir den Arm umgedreht!

FRANZISKA Hat sie nicht.

BECKMAYER Wie können Sie sicher sein?

FRANZISKA Weil Ihre Schergen brutal waren und solchen Horror verbreitet haben, daß sich meine Tochter vor Angst...

RIKE MAMA!

BECKMAYER Also gut. Für die Öffentlichkeit haben Sie, Herr Richter, in ihrer Garderobe eine Herzattacke erlitten und wurden in ein abgeschirmtes, geheimes Krankenhaus verbracht. Ihre Familie wurde informiert und ist bei Ihnen. Diese Legende hält nach unseren Erfahrungen drei bis vier Tage. Danach sind Sie entweder genesen oder verstorben.

MANFRED Jetzt reicht’s mir aber endgültig!

BECKMAYER Entschuldigung. Tut mir wirklich leid. Eine unglückliche Formulierung, mein Fehler. Auch ich stehe ziemlich unter Druck.

MANFRED Dann überlegen Sie, bevor Sie den Mund aufmachen!

FRANZISKA Heißt das, Sie wollen uns drei Tage hierbehalten, in diesem Loch?!

RIKE Ohne mich.

MANFRED Ich habe eine Show zu machen! Ich kann doch mein Publikum nicht enttäuschen.

FRANZISKA Manfred bitte, hier läuft keine Kamera.

RIKE Nicht mehr. Die hat er ja zerdeppert. Das Beste, was er an diesem Scheißmorgen überhaupt gemacht hat.

BECKMAYER Ich bin noch nicht fertig. – Drei Tage, höchstens vier, die Sie Zeit haben, sich darüber klarzuwerden, welchen Weg Sie gehen wollen.

MANFRED Jetzt kapiere ich! Ups, da fällt der Groschen pfennigweise. Okay! Gewonnen, Kollegen! Ihr könnt rauskommen! Wo haben Sie die Kameras versteckt? Ich lach mich schlapp! Ich dachte, so was passiert mir nie! Das ist gut, Mann, das ist gut. Sie sind ein erstklassiger Schauspieler, Beckmann, oder wie sie wirklich heißen. Okay, Ihr könnt aufhören, Kollegen. Wir hatten unseren Spaß und die Nation wird sich scheckig lachen. Das ist mir jetzt aber fast peinlich. Ausgerechnet mit mir zieht Ihr so eine Nummer ab. Ich dachte immer, auf diese Scherze fällt höchstens noch Roberto Blanko rein. Mit dem macht Ihr es doch ständig. Bravo. Bravo. Ich liebe Euch.

RIKE Scheißfernsehen. (zeigt den Mittelfinger in alle Richtungen) Scheißfernsehen.

MANFRED Benimm dich!

FRANZISKA (drückt mit sanften Nachdruck Frederikes Arm runter und sieht sich dabei zweifelnd um)

MANFRED Sesam öffne dich, komm rein, Cherno. Aber etwas heftig war das schon, oder? Da werden wir die Bänder checken müssen. Da muß ein bißchen was raus. Das mit dem Teppich geht nicht... Das ist Privatsphäre. Wie seid Ihr cleveren Hunde an den Code gekommen? Und das mit Rikes nassem Höschen...

RIKE Du Arschloch!

MANFRED ...geht natürlich auch nicht. Schneiden wir raus, ja? Jelena hat Euch unsere Sachen gegeben. Na jetzt wird doch alles klar. Ich hoffe, ich habe Euch nicht die Eins zerkloppt. Tut mir echt leid. Okay. Danke, Kollege, war großartig. (schüttelt Beckmayer die Hand) Reife Leistung, wirklich. Ganz großartig. – Na was denn nun? Jetzt ist doch gut, oder? Schlußklappe und aus.

BECKMAYER Möchten Sie? (bietet Zigaretten an)

MANFRED Hab aufgehört.

BECKMAYER Ich auch. Aber manchmal... hilft’s eben doch.

FRANZISKA (schüttelt den Kopf)

RIKE (nimmt eine, läßt sich von Beckmayer zittrig Feuer geben, zieht wie wahnsinnig an der Zigarette)

BECKMAYER Wollen Sie sich nicht wieder setzen? Es wird niemand kommen. Sie sind im Zeugenschutzprogramm der Regierung. Meine Aufgabe ist es, Ihnen eine neue Identität anzubieten.

MANFRED Hört jetzt auf mit der Scheiße. Es reicht!

BECKMAYER Nach unseren Erkenntnissen sind Sie ins Visier einer äußerst gefährlichen und brutalen Organisation geraten. Sie haben in den Nachrichten von dem Bombenanschlag gehört? Unser schnelles Eingreifen war nötig. Wir mussten Sie sofort aus der Schusslinie nehmen. Dieser Anschlag war ein Warnung – an ihren Bruder.

MANFRED Jürgen?

BECKMAYER Er ist auf dem Weg hierher. Er wird Ihnen die Hintergründe erklären müssen. Glauben Sie mir, Sie haben mein tiefstes Mitgefühl. Und niemand bedauert diese... verdammte Situation mehr als ich...

Schweigen.

Aber heute beginnt der erste Tag vom Rest Ihres Lebens.