Spreewaldkrimi VI: Mörderische Hitze

TV-Movie für ZDF im Auftrag der Aspekt Telefilm

Premiere

13. März 2014 auf dem DEUTSCHEN FERSEHKRIMI-FESTIVAL Wiesbaden

Erstausstrahlung ZDF

12. Mai 2014 als "Fernsehfilm der Woche"

Regie

Kai Wessel

Kamera

Holly Fink

Produzent

Wolfgang Esser / Aspekt Telefilm

Redaktion

Pit Rampelt

mit

Christan Redl, Thorsten Merten, Claudia Geisler, Rike Schäffer, Roeland Wiesnekker, Christina Große, Godehard Giese, Cornelia Schmaus, Hans-Uwe Bauer, Daniela Holtz, Nikola Kastner, Julia Blankenburg, Rüdiger Klink, Martin Reik, Christian Schmidt, Kai Scheve u. a.

Glaubst du, dass uns ein falsches Wort, eine flapsige Bemerkung auf immer prägen kann? Kann es in uns gären, bis es eine Katastrophe auslöst?"

Schnitt: Tina Freitag, Musik: Ralf Wienrich, Produktionsleitung: Hartmut Damberg, Prod.Ass.: Andrea Virnisch, Szenenbildner: Thilo Mengler, Kostüm: Susanne Witt, Außenrequisite: Ulrike Klein, Innenrequisite: Susanne Lingens, Maske: Kathi Kullack, Sandra Meyer, Ton: Christoph Köpf, Oberbeleuchter: Matthias Kasten, Junior Producerin: Dana Löffelholz, Regie-Ass.: Johanna Pfaff, ZDF- Produktionsmanagement: Stefan Adamczyk, Filmgeschäftsführung: Dennis Reuter, 1. Aufnahmeleitung: Lena Reuter, Set-AL: Kerstin Dressler, Set-AL-Ass.: Matthias "Matze" Wegner, Set-AL-Runner: Katja Ginnow, Casting: Simone Bär, Komparsen: Max Fenner, Kamera-Ass.: Teja Hendrik Schwede, 2. Kamera-Ass.: Mareike Renner, Ton-Ass.: Georgios Pump, Bestgirl: Kirsten Stahlkopf, Beleuchter: Carsten Stracke, Beleuchterhilfe: Martin Beyrau, Kamerabühnen-Ass.: Lea Künnemann, Szenenbild-Ass.: Lisa Folkens, Baubühne: Markus Schröder, Cutter-Ass.: Max Mittelbach, Bine Pufal, Garderobe: Karin Schulz, Steffi Schulze, Requisitenpraktikantin: Romy Hézer, Produktionsfahrer: Carsten Uhlig, Uli Tang, Script/Continuity: Candy Maldonado Agustin, SFX: Björn Friese, Stunt-Koordinator: Marno Röder, Catering: Faun Catering, Data-Wrangler: Oliver Mex, David Schaufert, Presse: Dr. Birgit-Nicole Krebs

 

Preise

DEUTSCHER FERNSEHPREIS 2014:
"Bester männlicher Schauspieler": Roeland Wiesnekker

DEUTSCHE AKADEMIE FÜR FERNSEHEN:
Preise für Drehbuch, Regie, Bildgestaltung, Filmschnitt, Musik, männliche Hauptrolle (Roeland Wiesnekker)

 

Nominierungen

GRIMME-PREIS 2015

DEUTSCHER FERNSEHPREIS 2014
"Bester Fernsehfilm"
"Bester männlicher Schauspieler": Roeland Wiesnekker

DEUTSCHER FERNSEHKRIMI-PREIS 2014

FERNSEHFILMPREIS der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste

DEUTSCHER SCHAUSPIELPREIS 2015
"Beste Schauspielerin in einer Hauptrolle": Christina Große
"Bester Schauspieler in einer Hauptrolle": Roeland Wiesnekker

 

Presse

 

ELMAR KREKELER - DIE WELT

Das deutsche Fernsehen ist schierer Konsensdreck, Iris-Berben-TV? Nicht zwangsläufig. Der "Spreewaldkrimi" hat Weltniveau. Herausragend erzählte Tragödien aus den Sümpfen. Jetzt läuft der neue Fall.

Dem Deutschen wird ja gern (und gern von Deutschen) erzählt, dass sein Fernsehen Mist sei. Mutloser Konsensdreck. Mehrere Wurmlöcher entfernt vom wahren Fernsehen aus dem gelobten Land der Serienkultur.

Selbst dieses kleine Dänemark sei uns mit seiner famosen Filmproduktion doch meilenweit voraus in unserer Iris-Berben-Haftigkeit. Und dann steht der Deutsche gerne da und knickt in sich zusammen. Und es fällt ihm nicht viel ein, was er gegen "Breaking Bad" und "Borgen" ins Feld führen könnte.

Helfen wir ihm. Es ist nicht schwer. Er muss nur heute Abend – ich weiß, es fällt schwer an einem Montagabend – alles sausen lassen und für gut neunzig Minuten in den Spreewald fahren. Da – wo sich im "Spreewaldkrimi" die Lebens- und die Wasserläufe tödlich umschlingen –, liegt so etwas wie die Zukunft des deutschen Fernsehfilms.

In den Sümpfen liegt die Zukunft

Okay, das war jetzt ein bisschen pathetisch. Aber versuchen wir mal, anhand von "Mörderische Hitze" zu erklären, wie das trotzdem gehen könnte mit der Zukunft aus dem Gurkenland.

"Mörderische Hitze" ist der sechste Fall für Kommissar Torsten Krüger (Christian Redl). Der ist groß, er kommt aus dem Westen, sein kahler Kugelkopf leuchtet über dem Wasser. Er redet ungern, sieht gern zu, manchmal sogar Menschen, die gar nicht mehr da sind.

Was naheliegt, der Spreewald ist ein idealer Ort für Spökenkiekerei, fürs Verwischen der Grenzen von Mythos, Legende und Wirklichkeit. Mit der Gegenwart redet Torsten Krüger, dieser Detektiv der Vergangenheit, der selbst ziemlich gespenstische Züge hat, nur das Nötigste.

Warum tun die Menschen das

Er ist ein griesgrämiger Menschenfreund. Er will wissen, wo das herkommt. Was die Menschen tun, die Gewalt, die Mordlust.

Dass er einmal sagen würde, was er Gottfried Richter sagt, der natürlich nicht zufällig Gottfried Richter heißt, hätte er nicht gedacht: "Ich hatte gehofft", sagt er im finsteren Loch, das in Lübbenau als Vernehmungszimmer dient, "dass ich so was wie Ihnen nie begegne." So was!

Richter, muss man wissen, ist ein Wrack. Vor einen Lastwagen gelaufen. Mit Absicht. In blutdurchtränkten Klamotten. Von einem Schwarm blutriechender Fliegen umhüllt.

Eine Leiche liegt im Wald. Zerhackt

Die Lübbenauer Kriminalisten, weil sie zu Recht Unglück riechen, folgen seiner Spur zurück. Zu einer Hütte im Wald. Da liegt eine Leiche.

Deren Anblick überfordert alle. Sie wollen sich gegenseitig in den Arm nehmen. Bis zur Unkenntlichkeit zerhackt, man sah zwischendurch Richter auf etwas mit der Axt eindreschen.

Es ist sehr heiß im Spreewald, das macht die Leiche in der Hütte auch nicht gerade schöner. Am Anfang schwenkt die Kamera über strohtrockene Getreidefelder, flirrende Straßen, eine verzweifelte Fliege sieht man, die im flüssigen Belag feststeckt.

Die Sümpfe, die Hitze, der Mord

Eine einsame Trompete spielt über die gelben Bilder die sorbische Variante von Charles Ives "Unanswered Question". Südstaatendramen können so beginnen. Die spielen ja auch gern in Sümpfen und die klimatischen Gegebenheiten beeinflussen den Gang der Welt und der Ermittlung.

Es ist die Paraphrase eines Liedes, das noch mal wichtig wird. Eines Liebesliedes. "Mörderische Hitze" ist die Geschichte einer Liebe. Eine Liebestragödie. Eine große Liebestragödie. Wie im "Spreewaldkrimi" gern große Liebestragödien erzählt werden.

Thomas Kirchner, der aus Uwe Tellkamps "Turm" ein Grimme-Preis-gekröntes Drehbuch machte, schreibt die Geschichten zum "Spreewaldkrimi". Er stammt aus Berlin.

Spiel regional, denk global

Hier ist vielleicht die erste der Erkenntnisse fällig, die man zur Genesung des deutschen Fernsehens aus dem "Spreewaldkrimi" ziehen kann. Regionalisierung von Kriminalfilmen – das beherrscht das britische Fernsehen wie kein zweites – hat nur dann einen Sinn, wenn sie sich auf die Region einlässt. Wenn die Landschaft, wenn die Mythen, die Legenden, Geschichten, Lieder, genauso selbstverständlich Teil der Erzählung sind wie die Analyse von gesellschaftlichen und im Fall des sorbischen Spreewalds sogar ethnischen Rissen.

Thomas Kirchner – fremd im magischen Wald wie sein Kommissar – hat für all das ein ausgezeichnetes Gespür entwickelt. Alle seine Motive stammen aus den Sümpfen, den Mooren. Seine Erzählweise hat er geradezu gewonnen aus der Landschaft. Es sind Erzähllabyrinthe, verästelte, chronologisch mehrfach gebrochene, sich antwortende Geschichten, die Vergangenheit blendet sich wie bei einem tatsächlichen Denkvorgang ein in die Gegenwart. Man steckt im Kopf des Kommissar Krüger und hört die Lebenden mit den Toten reden.

Von Anfang an alles vergiftet

Gottfried Richter hatte keine Chance. "Kann es sein", fragt Irene, die ihn liebt, was keiner versteht, "dass alles von Anfang an vergiftet war." Der Anfang war ein Sommerabend. Gottfried, der beinahe nichts gelernt hat, gehört zum Zirkus.

Er ist ein großer Mann, ein großes Kind (einmal wird im Film sein Gesicht unter das von Kommissar Krüger geblendet, sie sind sich ähnlich). Besonders klug ist er nicht.

Er hat ein Herz so groß wie ein Bus. Irene liebt ihn. Gottfried liebt sie wider. Dann ist es ja gut. Ist es nicht.

Gottfried wird gebogen, bis er bricht

Gottfried heiratet in ein jahrhundertealtes Handwerk ein. Bretter biegen überm Feuer, Boote zum Staken daraus bauen. Der Vater begrüßt ihn, nimmt ihn auf wie einen Sohn. Die Mutter mag ihn nicht, sie ist schwer krank.

Das mit dem Biegen überm Feuer ist die eigentliche Geschichte vom Gottfried. Der wird vom Schicksal übers Feuer gelegt und dann solange gebogen, bis er bricht.

Er hat die Frau, die alle wollten. Er darf sie lieben. Keiner versteht es. Am Ende versteht er es auch nicht. Versteht er nichts mehr. Weil das Feuer immer größer wird und der Druck, das Biegen.

Und immer geht's bergab

Wirtschaftlich geht's bergab. Irenes Vater stirbt. Der Mann, der Irene auch liebt und der – sagt Irenes Mutter – für den Betrieb (und Irene) besser wäre, kauft keine Boote mehr. Der Gottfried zerreißt sich. Nimmt jeden Job. Macht alles. Alles wird trotzdem immer schlimmer.

Der Gottfried wird gebogen und gebogen. Der Gottfried verliert den Glauben an sich, dazu gehört nicht viel, daran, dass es irgendwann besser wird, dazu gehört auch nicht viel, und an Irenes Liebe, das ist ein Kapitalverbrechen.

Man muss dran glauben

Und hier gleich die nächste Erkenntnis aus den "Spreewaldkrimis" zur Qualitätssicherung des deutschen Fernsehens: Man muss an die Geschichten glauben. Dabei könnte es sinnvoll sein, dass diejenigen, die bei der Zeugung und der Geburt einer Serie dabei waren, diese auch zumindest bis zur Pubertät begleiten. Im Spreewald-Fall heißen die Eltern Thomas Kirchner, Pit Rampelt, Wolfgang Esser.

Gerade haben sie zwei weitere Fälle für Kommissar Krüger fast fertig.

Bei Regen waren wir bisher da. Im Winter und jetzt im glühenden Sommer. In den Flussläufen wurden alte Rechnungen beglichen, letzte Gefechte aus der deutsch-deutschen Geschichte fanden statt, zwischen den Landsmannschaften wurden die Messer und die Tierfellfallen ausgepackt. Die Leichen sahen nicht schön aus.

Eine hinreißende Woyzeckiade

Es wurde hinreißend gespielt. Was auch für "Mörderische Hitze" gilt. Roeland Wiesnekkers Woyzeckiade ist schon mal einen Filmpreis wert.

Man ist wie durchs Wasser gezogen am Ende von "Mörderische Hitze". Und ausgelaugt von der Konsequenz mit der hier eine Verlierergeschichte zu Ende erzählt wird. Bis sie bricht. Und einen und jeden zermahlt.

Noch einmal: Wenn wieder ein Trottel um die Ecke kommt und sagt, dass das doch alles Mist sei im deutschen Fernsehen und mutloser Konsensdreck und mit den Dänen um die Ecke kommt und mit "Breaking Bad" und dem anderen wohlfeilen Blödsinn – soll er hingucken, soll er "Spreewaldkrimi" gucken. Ein herrliches halbes Dutzend grandioser Tragödien. Fernsehen auf Augenhöhe mit Amerika. Mindestens.

zum Artikel: www.welt.de

 

 

KINO.DE

"Nachbarn beschreiben ihn als unauffällig", heißt es gern, wenn ein vermeintlich unbescholtener Bürger plötzlich Amok läuft. "Aus heiterem Himmel" lautete der entsprechende Arbeitstitel dieses neuen Beitrags zur ausgezeichneten ZDF-Reihe "Spreewaldkrimi".

"Mörderische Hitze" mag plakativer klingen, trifft jedoch gleichfalls zu: Kai Wessel und sein Kameramann Holly Fink haben derart glaubwürdige Hochsommerbilder für die Geschichte gefunden, dass man förmlich mitschwitzt. Mindestens ebenso reizvoll ist die Rückblendenkonstruktion, die "Spreewald"-Autor Thomas Kirchner auch schon zuletzt in "Feuerengel" dramaturgisch ausgesprochen geschickt genutzt hat: Stück für Stück setzt Kommissar Krüger (Christian Redl) die Biografie eines Mannes zusammen, in dem es hinter scheinbar intakter Fassade mehr und mehr brodelte; bis sich sein ganzer Zorn schließlich in einer Untat entladen hat.

Faszinierend ist der Film aber auch aus einem weiteren Grund, und der ist für einen Krimi höchst ungewöhnlich: Über die Identität des Mörders gibt es keinerlei Zweifel, schließlich geht er den Behörden nach einem misslungenen Suizidversuch gleich zu Beginn ins Netz. Er ist mit Blut besudelt, das offensichtlich nicht von ihm stammt, aber nicht mehr ansprechbar. Krüger findet zwar recht bald raus, dass der Mann Gottfried Richter (Roeland Wiesnekker) heißt, steht aber nun vor der eigentlich unlösbaren Aufgabe, den riesigen Spreewald nach einer Leiche abzusuchen; passend zu dieser Reise bekommt man beiläufig mit, dass der Kommissar Joseph Conrads "Herz der Finsternis" liest. Gemeinsam mit Streifenpolizist Fichte (Thorsten Merten) folgt er der Spur der Fliegen und stößt schließlich schockiert auf die völlig unkenntlichen Überreste eines Gemetzels.

Es ist durchaus verblüffend, wie spannend ein Krimi sein kann, wenn die Ermittler nicht den Täter, sondern das Opfer suchen; selbst wenn "Feuerengel" dramaturgisch ganz ähnlich funktionierte, weil auch dort die Identität des Toten schließlich eine echte Überraschung war. Diesmal nutzt Kirchner die Rückblenden, um die ganze Dramatik eines Daseins in wachsender Verzweiflung zu schildern: Gottfried Richter hatte sich vor Jahren in die von allen Junggesellen des Dorfes begehrte Irene (Christina Große) verliebt. Während ihn der Schwiegervater als Nachfolger im familieneigenen Kahnbaubetrieb akzeptierte, konnte er es Irenes Mutter nie Recht machen. Doch Gottfried, eigentlich ein herzensguter Mensch, war nicht zum Bootsbauer geboren, der Betrieb ging Pleite, ein beruflicher Misserfolg reihte sich an den nächsten, und als er dann noch in wahnhafter Eifersucht überzeugt war, Irene betrüge ihn, brach offenbar eines Tages der ganze Zorn aus ihm heraus. Aber wen hat seine Wut getroffen?

Die Bildgestaltung ist großartig, die szenische Auflösung ungemein sorgfältig, die Dramaturgie ebenso reizvoll wie die harmonische Verzahnung von Gegenwart und Rückblenden. Mindestens ebenso bemerkenswert ist jedoch die Leistung von Roeland Wiesnekker, zumal er wunderbar nuanciert verkörpert, wie Richter versucht, sich an die Sitten und Gebräuche dieser Kulturlandschaft anzupassen; und wie er doch stets ein Fremder bleibt. Natürlich nimmt auch Wessels Regie Rücksicht auf die speziellen Umstände: Vordergründige Dynamik wäre hier völlig fehl am Platz gewesen. Fesselnd ist der Film trotzdem. tpg.

 

 

RAINER TITTELBACH

„Mörderische Hitze“, der sechste und bislang beste ZDF-„Spreewaldkrimi“, rekonstruiert nicht nur einen Mord, sondern erzählt auch von einer Liebe, die lange den „Verhältnissen“ standhält, bevor sie sich von der Realität geschlagen geben muss. Ein bisschen sieht „Mörderische Hitze“ aus wie ein Wiedergänger des italienischen Neorealismus’: der Mensch in der Landschaft, das Soziale als Triebkraft der Seele. Doch Kai Wessels Film nach dem stimmungsvoll strukturierten Buch von Thomas Kirchner erzählt heutig: mit einer bizarren Montage, cooler amerikanischer Bildsprache & der Mythologie einer Zauberlandschaft.

Dem Fremdblut auf der Spur

Die Sommerhitze liegt über dem Spreewald. Ein Mann rennt vor einen LKW. Er kann gerettet werden, fällt aber ins Koma. Für Kommissar Krüger heißt es, dem Fremdblut auf der Kleidung des offenbar Lebensmüden nachzugehen. Hat dieser Mann einen anderen Menschen getötet oder schwer verletzt? Krüger und seine Kollegen nehmen die Fährte auf, folgen der Blutspur und machen in einer Waldhütte einen grauenhaften Fund. „Ich hatte immer gehofft, dass mir so was wie Sie nie begegnet“ – Krüger fordert den wieder vernehmungsfähigen Mann auf, sein Geständnis aufzuschreiben. Dieser notiert mit zitternder Hand: „Mein Name ist Gottfried Richter. Ich bin 46 Jahre alt. Ich bin zum Mörder geworden...“

Ein Märchen vom Sterben der Liebe

Aus dem Geständnis wird eine Lebensgeschichte, die sich über 15 Jahre erstreckt. „Mörderische Hitze“ aus der „Spreewaldkrimi“-Reihe des ZDF rekonstruiert nicht nur einen Mord, sondern erzählt auch von einer Liebe, die lange den „Verhältnissen“ standhält, bevor sie sich vom Realitätsprinzip und vom schleichenden Wahnsinn geschlagen geben muss. Da war einmal ein Mann, der alles für seine Frau tun wollte. Er wusste um ihre Besonderheit: alle im Dorf wollten sie, er, der Vagabund, hat sie bekommen. Zum Dank wurde er sesshaft in ihrer Heimat, doch so richtig heimisch wurde er nie. Auch ein guter Bootsbauer wie sein Schwiegervater sollte er nicht werden. Und da war eine Frau, die bedingungslos zu lieben bereit war. Über alle Hindernisse hinweg – die prekäre wirtschaftliche Lage des traditionellen Bootsbauhandwerks oder die stets gegen den Schwiegersohn hetzende Mutter – hielt sie an ihrer Liebe zu diesem Mann fest. Doch als der, durchdrungen vom Gefühl der eigenen Nutzlosigkeit, bald heillos infiziert war vom Virus der Eifersucht und scheinbar ergriffen vom Irrsinn, starb die Liebe. Und plötzlich lag nur noch Verzweiflung über dem Spreewald...

Menschliche Abgründe, politische Gegensätze

„Mörderische Hitze“ ist der sechste „Spreewaldkrimi“. Der erste, „Das Geheimnis im Moor“ (2006), war ein Einzelstück, getragen von einer magisch-verwunschenen Landschaft, die das Timing des Films bestimmte. Das Leben im Spreewald ist ein langer, ruhiger Fluss. Weil dieser und auch der zweite Film, „Der Tote im Spreewald“, trotz komplexer Erzähltechnik erfolgreich waren bei Zuschauer und Kritik, wurde aus den Krimidramen aus dieser archaischen Landschaft eine Reihe. Märchenhaft wirkten alle bisherigen Filme: der erste Hochsommerfilm nun ist ein Märchen durch und durch – ein düsteres Märchen über das Absterben von Gefühlen, das in menschliche Abgründe blickt und gesellschaftliche Realität im Vorbeigehen seziert. „Die arbeiten hier als Ich-AGs; das spart die Lohnnebenkosten, und von Tarif ist überhaupt keine Rede mehr“, wirft Fichte, der Polizist mit der Ost-Vergangenheit, vermeintlich beiläufig ins Gespräch mit „Wessie“ Krüger, der ungehalten reagiert: „Diese allgegenwärtige Larmoyanz, die geht mir dermaßen auf den Sack. Hören Sie auf zu jammern!“

Ein Wiedergänger des italienischen Neorealismus’

Was werden kann aus einem, der auszieht, die Liebe zu leben, das Leben zu meistern und ein guter Mensch und ein soziales Wesen zu bleiben, das kann man an der Geschichte von Gottfried Richter sehen. Da ist die Urangst, seine Familie nicht mehr ernähren zu können. Da ist ein (Ausbeutungs-)System, mit dem dieser Mensch nicht klar kommt. Da wachsen kranke Gedanken... Und plötzlich brennen die Sicherungen durch. Erzählt wird das nicht als hüftsteifes Lehrstück, sondern als vitales, physisch gespieltes Menschendrama. Christian Redl, Roeland Wiesnekker, Christina Große – drei markante Gesichter, die mit der Landschaft mithalten können. „Mörderische Hitze“ wirkt wie ein Wiedergänger des italienischen Neorealismus’: der Mensch in der Landschaft, das Soziale als Triebkraft der Seele und alles spielt draußen in der Natur, an der frischen Luft... Allerdings ist der Film von Kai Wessel, meisterlich fotografiert von Holly Fink („Mogadischu“), heutig erzählt: mit einem bizarren Montage-Stil, cooler amerikanischer Bildsprache & der Mythologie einer Zauberlandschaft.

Gemäßigte Geschwindigkeit, komplexe Verschachtelung

Für „Mörderische Hitze“ fand nun dasselbe Team (Hauptdarsteller, Regie, Kamera, Schnitt, Ton, Musik) zusammen wie vor acht Jahren beim ersten „Spreewaldkrimi“. Thomas Kirchner hat alle Drehbücher geschrieben – verschiedene Jahreszeiten, leichte Genre-Variationen, dezent verschobene Tonlagen. „In der Ruhe liegt die Kraft“ – diese Lebensweisheit spricht sowohl aus der Landschaft als auch aus Christian Redls wunderbar stoisch gespieltem Kommissar Krüger. Die gemächliche Geschwindigkeit ist ein Erkennungszeichen der Filme, aber auch die komplexe Verwobenheit der Zeitebenen. Daraus entsteht im neuen Film eine besonders kontemplative Erzählhaltung. Mehrfach schieben sich innerhalb einer Einstellung Situationen verschiedener Zeitstufen ineinander. Da schöpft beispielsweise in einer Szene das gebeutelte Paar vor der Hütte am Hochwald noch einmal Hoffnung, bevor die Kamera nach oben schwenkt und Krüger und Fichte ins Visier nimmt, wie sie durchs Flies staken und ihrerseits die Hütte erspähen, in der den beiden das Grauen begegnen wird. Dieses Prinzip, wie auch die fließende Verbindung zwischen Ist-Zeitebenen und Rückblenden, entspricht Krügers übermäßigen Einfühlungsvermögen. Durch die Weichheit der Bewegung zieht diese Splitterdramaturgie den Zuschauer mit in eine sonderbare Erzählung, versetzt ihn in eine ungewöhnliche Stimmung, bringt ihn nach & nach der Aufklärung des Falls ein Stück näher, ohne ihm am Ende nur das zu bestätigen, was er sich am Anfang schon zusammengereimt hat... Gut, dass das ZDF weitermacht. Der siebte "Spreewaldkrimi", Regie Sherry Hormann, ist gerade abgedreht, der achte befindet sich in Vorbereitung. (Text-Stand: 14.4.2014)

zum Artikel: www.tittelbach.tv

 

MICHAEL HANFELD / FAZ

Meisterhaft fotografiert, exzellent geschnitten, gut gespielt: Der „Spreewaldkrimi“ ist eine mörderische Moritat und ein trauriges Meisterwerk.

In diesem Film ist alles anders. Es ist ein Krimi, schon dem Titel nach. Es geschieht ein grausames Verbrechen, ein Mord aus Raserei. Und wir kennen den Täter von Beginn an. Doch damit wissen wir noch nichts. Erst nach einer Elegie von neunzig Minuten haben wir ein Bild - von einem Leben, das aus den Fugen gerät, von einer Familie, die zerstört, und von einem Mann, der zum Mörder wird.

„Ich hatte immer gehofft, dass mir so was wie Sie nie begegnet“, sagt Kommissar Thorsten Krüger (Christian Redl). Ihm gegenüber sitzt Gottfried Richter (Roeland Wiesnekker), der sich vor einen Lastwagen geworfen hat. Doch das Blut, von dem er bedeckt ist, stammt nicht von ihm. „Das Opfer haben wir noch gar nicht“, sagt der Polizeibeamte Fichte (Thorsten Merten). Sie werden es finden, doch sie werden nicht wissen, wer es ist, ja nicht einmal, ob es nur ein Opfer gibt.

Geopfert hat sich der Täter, sein Leben lang. „Ich zerreiße mich für euch“, sagt Gottfried Richter zu seiner Frau Irene (Christina Große). Er zerreißt sich, er macht die miesesten und härtesten Jobs, er sucht seinen Platz in der sorbischen Gemeinde hier im Spreewald, doch es ist niemals genug. Nicht genug Geld, nicht genug Anerkennung. Nicht genug für den Schwiegervater, weil er dessen Bootsbauerhandwerk nicht lernt, nicht genug für die Schwiegermutter, die für ihre Tochter einen anderen wollte. Wohl aber für seine Frau und seine Tochter. Doch das erkennt Gottfried Richter nicht. Er wird an allem irre.

Seine Geschichte erzählt der Film im Rückblick auf mehr als ein Jahrzehnt und zugleich den Fortgang der Ermittlung. Eine Szene geht fließend in die andere über, meisterhaft fotografiert von dem Kameramann Holly Fink und ebenso kunstvoll geschnitten von der Cutterin Tina Freitag. Das Buch stammt von Thomas Kirchner, die Regie von Kai Wessel, die Produktion von Wolfgang Esser - sie alle waren schon beim ersten „Spreewaldkrimi“ dabei und sorgen dafür, dass dieser sechste Film der Reihe so einzigartig ist wie die Landschaft, in der er spielt.

Es geht um den Spreewald, bei dem man an die Sümpfe von Louisiana denkt, um die Sorben, um Männer, die nach der Wende jeden Halt verloren haben, um Ost und West (im Zweikampf zwischen dem Polizisten Fichte und dem Kommissar Krüger) und um eine große Tragödie, aufgeführt von Schauspielern, die ihre Rollen aus sich herausschwitzen. „Mörderische Hitze“ heißt der Film. Es ist eine mörderisch (gute) Moritat.

zum Artikel: www.faz.net

 

 

"MÖRDERISCHE HITZE": KRIMI DER SONDERKLASSE

von Ulrich Feld / Frankfurter Neue Presse

Das beklemmende Drama ist ein echtes Juwel. Niemand sollte sich diesen Thriller entgehen lassen.

Die Geschichte beginnt passend zum Titel mit zunächst einladenden Aufnahmen von Straßen und Landschaften im gleißenden Sonnenlicht. Die ländliche Idylle zu Beginn hat eine entfernte Ähnlichkeit mit David Lynchs Meisterwerk "Blue Velvet". Bei Lynch gräbt sich dann die Kamera in den Boden ein, sie zeigt das Gewimmel von Insekten und Würmern unter der scheinbar so friedlichen Oberfläche. An Insekten, besonders Fliegen, mangelt es auch diesem Beitrag aus der Reihe "Spreewaldkrimi" nicht. Als ihre Anzahl im Handlungsverlauf besonders hoch und ihr Summen besonders bösartig wird, stoßen Kommissar Thorsten Krüger (Christian Redl) und der Streifenpolizist Fichte (Thorsten Merten) auf etwas Schreckliches.

Gutmütiger Riese mit Blut an den Händen

Es sind die Reste einer Leiche, und sie führen zu einem Drama, das sich in Rückblenden Stück für Stück vor den beiden Männern aufrollt. Am Anfang des Films greift ein Mann auf einem Wasserarm des Spreewalds ein Pärchen an und rennt bald danach auf einer Landstraße plötzlich vor einen Lastwagen. Er wird in ein künstliches Koma versetzt. Er hat Blut an den Händen und an seiner Kleidung, doch es ist nicht sein eigenes Blut. Der Mann ist Gottfried Richter (Roeland Wiesnekker), ein grobschlächtiger Hüne von einem Mann. In den neunziger Jahren heiratete er Irene (Christina Große), die von vielen Männern begehrt wurde. Ihr Vater baut Kähne aus Holz für Fahrten im Spreewald. Gottfried ist ein kraftstrotzender Bär, aber mit zwei linken Händen voller Daumen. Sein Schwiegervater müht sich vergeblich, ihn zu einem guten Kahnbauer auszubilden, und seine kränkliche Schwiegermutter hält nichts von ihm.

Angst vor dem Abstieg als Thema

Die anfängliche Heimeligkeit in der Dorfgemeinschaft von Irenes Eltern weicht allmählich kalter Verachtung. Die fröhlichen Bilder zur Hochzeit mit handfesten Späßen sind längst vergessen, als Irenes Vater stirbt. Gottfried schafft es nicht, den Kahnbau seines Schwiegervaters fortzusetzen, er schlägt sich mehr schlecht als recht als Leiharbeiter durch. Die engen Räume in dem alten Haus, in dem sie wohnen, das trübe Licht, die stumme Hilflosigkeit einerseits, die giftigen Vorwürfe der Schwiegermutter andererseits: Es braucht nicht viele Worte im Film, das alles zu vermitteln. Oft liest man schon aus den Gesichtern der Schauspieler das ganze Elend der Charaktere heraus.

Regie und Kamera vom Feinsten

Die Atmosphäre in diesem exzellent gestalteten (Regie: Kai Wessel) und von Kameramann Holly Fink hervorragend fotografierten Drama ist so dicht, dass man sie regelrecht mit dem Messer schneiden könnte. Die Situation eskaliert allmählich, als Irene einen Job annimmt und Gottfried sie verdächtigt, eine Affäre zu haben. Geschickt legt das Drehbuch von Thomas Kirchner eine falsche Spur, als Gottfried mit der Axt in der Hand auf das Haus seines Nachbarn zugeht - doch der Nachbar ist auch nicht das Mordopfer, nach dem die beiden Polizisten suchen. Eine Tätowierung an der Leiche führt schließlich auf die richtige Spur.

Anklänge am "Apocalypse Now"

Dieser Film reiht gleich serienweise Bilder von großer Eindringlichkeit aneinander. Da sind die Flusslandschaften im Spreewald, die nicht zufällig an den großen Vietnamfilm "Apocalypse Now" von Altmeister Francis Ford Coppola erinnern. Dazu passt auch das unergründliche Gesicht mit dem kahlen Schädel darüber von Christian Redl: genau wie bei Marlon Brando als Colonel Kurtz. Da sind die Holzteile, an denen Gottfried mit der Axt seine Wut auslässt. Und dazu kommt noch eine in dieser Perfektion selten gesehene Lichttechnik, durch welche die brütende Hitze, in der die Polizisten ermitteln, für den Zuschauer fast körperlich spürbar wird.

"Mörderische Hitze" ist mörderisch gut

"Mörderische Hitze" geht weit über einen beliebigen Lokalkrimi hinaus. Dieses feinfühlige Psychodrama konzentriert sich ganz auf die fatale Entwicklung einer Katastrophe, den Verlust von Illusionen und Geborgenheit und erzählt all diese Dinge mit einer beklemmenden Intensität. Der bisher sechste Beitrag der Reihe "Speewaldkrimi" ist wahrlich überragend. Wer ihn verpasst hat, kann ihn noch in der ZDF-Mediathek anschauen.

zum Artikel: www.fnp.de